Botschaft Niederbayerns – Treffpunkt für Kultur- und Kontaktpflege

Straubing/München. (cz) Was war das im Vorfelde für eine Aufregung? Münchens Verwaltung befürchtete hitzige politische Kundgebungen oder gar wilde Rockkonzerte. Eine Münchner Zeitung mutmaßte sogar über die Gefahr von Einreisevisa und Aufenthaltsgenehmigungen – mit einem Augenzwinkern. ”Und so ist unsere 'Niederbayern-Botschaft' ja auch zu verstehen”, betonte Michael Kliebenstein als Chef des Regionalmarketings gestern bei der Einweihung des Hauses im Münchner Westpark. Sie soll eine Begegnungsstätte zwischen „Niederbayernund dem Rest der Welt“ werden.

"Wir wollen diese neue Bühne nutzen", begrüsste der niederbayerische Bezirkstagspräsident Manfred Hölzlein gestern die zahlreichen honoren Gäste im kleinen Bauernhaus im Westpark. Anlässlich der Bundesgartenschau 1983 hatte die Unternehmerfamilie Georg Höttl der Landeshauptstadt das kleine schlichte Bayerwaldhaus als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Und damit Niederbayern künftig in München und bei den Münchnern öfter zum Thema gemacht werden kann, wurde sie "Botschaft Niederbayerns" jetzt offiziell für das Regionalmarketing Niederbayern in Betrieb genommen.

Thematisch geht es in der "Botschaft" um die Darstellung von Niederbayern als wirtschaftlich, kulturell und touristisch hochwertigen Standort.

Das ehemalige Schmuckstück aus dem Bauernhausmuseum soll in diesem Sinne öfter als bisher und nicht mehr nur zur Pflege der Volksmusik genutzt werden. Hier können nun Fachgespräche, Podiumsdiskussionen, Autorenlesungen oder Informationsabende im Rahmen von ruhigen und maßvollen Veranstaltungen stattfinden. Natürlich alles mit angepasster Musik – von der Bayerwald-Zithermusi, die hier seit Langem ihr Zuhause hat, bis zu einem gelegentlichen Standkonzert niederbayerischer Musikanten für die Spaziergänger im Westpark – so wie gestern mit der Freyunger Stadtkapelle, umrahmt von der Bierspende des Bräus aus dieser Kreisstadt.

In Zukunft werden kulturelle Ereignisse aus den Landkreisen und Städten Niederbayerns hier angekündigt, Wirtschafts- und Tourismusverbände vorgestellt oder Begegnungen mit Abgeordneten oder ausländischen Besuchern organisiert.

"Niederbayern wird in den Medien der Landeshauptstadt nicht gerade mit viel Aufmerksamkeit überschüttet", bedauerte Bezirkstagspräsident Hözlein. Nur bei den großen überregionalen Festspielen wie etwa die Landshuter Hochzeit, den Europäischen Wochen in Passau oder dem Gäubodenfest in Straubing klappe es mit der Wahrnehmung recht gut. Es gebe aber in Kultur, Wirtschaft und Tourismus Niederbayerns noch viel mehr Interessantes und Berichtenswertes, warb Hölzlein für den Standort. Münchner Medienvertreter mit ihren niederbayerischen Wurzeln seien ebenso aufgefordert die frühere Heimat in ihre Arbeit mit einzubeziehen, wie die strategische Vernetzung zwischen Oberösterreich, Südböhmen und Niederbayern zu einer Europa-Region. Besonderen Dank gebühre neben den der Familie Höttl für die kostenlose Nutzung, der Stadt München zur Nutzungserweiterung und der östlichsten Kreisstadt Freyung, deren Blaskapelle und deren Brauerei.

Im Anschluss wurde an dem kleinen Bayerwaldhaus eine Tafel von Landwirtschaftsminister Helmut Brunner, dem ersten Kabinettsmitglied überhaupt aus dem Bayerischen Wald, und Regierungspräsidentenn Heinz Grunwald enthüllt.

Als letzten offiziellen Beitrag der Einweihung hielt Hans Burger, der gebürtige Münchner, Journalist und Autor und seit fünf Jahren auch offizieller Niederbayern-Botschafter seine ganz persönliche pointierte Sicht zu Niederbayern und Münchnern – und warum das Bayerwaldhäusl im Westpark eine dringende Notwendigkeit zur Verständigung der beiden „Stämme“ bedeute. Er kam zum Schluss: "Wenn alle offenen historischen Fragen unblutig geklärt und in der Niederbayern-Botschaft diplomatisch nachverhandelt sind, wenn Abweichungen in der Mentalität gegenseitig akzeptiert sind, dann wird nach dem Westfälischen Frieden, dem Augsburger Frieden und dem Frieden von Teschen auch der 'Westpark-Friede' in bayerische Geschichtsbücher Einzug halten!"

Claudia Grimsmann, Straubinger Tagblatt, 15.09.2009

Einweihungsfeierlichkeiten (v.li) Hannes Burger, Dr. Gabriele Weishäupl, Landwirtschaftsminister Helmut Brunner, Altbezirkstagspräsident Manfred Hölzlein, Regierungspräsident Heinz Grunwald

Niederbayerns Botschaft für München

München. "Hiermit erkläre ich die Botschaft von Niederbayern für immer und ewig eröffnet" - mit diesen Worten enthüllte Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU), der einzige Niederbayer, den Ministerpräsident Horst Seehofer an seinen Kabinettstisch holte, im Münchner Westpark das Schild, das das alte Bauernhaus zur Ständigen Vertretung der Niederbayern in der Landeshauptstadt macht. Freilich konnte sich Brunner eine gewisse niederbayerische Selbstironie nicht verkneifen - schließlich sehen weder bayerische Verfassung noch die Verwaltungsvorschriften des Freistaats eine diplomatische Einrichtung in München vor. Daher rühren auch die Gänsefüßchen vor und nach der Bezeichnung "Niederbayerische Botschaft".

Auch die Gebäudlichkeit an sich zeigt schon, dass es hier eher um etwas Ideelles geht: Mitten im Münchner Westpark, fernab jeder Straße, steht noch ein jahrhundertealter niederbayerischer Kleinbauernhof, der anlässlich der Gartenschau 1983 von der Hoteliersfamilie Höltl, die unter anderem Betreiber des Museumsdorfs in Tittling ist, nach München verfrachtet wurde. Seitdem führte der Hof ein eher randläufiges Dasein. Bis sich der Schriftsteller, langjährige Nockherberg-Redenschreiber und überzeugte Bayerwäldler Hannes Burger, einer von mehreren Dutzend ganz offiziellen Botschaftern Niederbayerns, gedacht hat, was ihm eigentlich der Titel nützt, wenn er keine Botschaft hat. Schnell entstand - zusammen mit der Unternehmerfamilie Höltl, die das Gebäude kostenlos zur Verfügung stellt, der Regierung und dem Bezirkstag von Niederbayern - die Idee, den Holzbauernhof zur "Botschaft Niederbayerns" zu erklären.

Gestern dann der große Festakt mit 120 Offiziellen, niederbayerischer Musik (Freyunger Stadtkapelle) und niederbayerischen Schmankerln (Bier aus Freyung, Kürbissuppe, Fleisch mit Pfifferlingen und Semmelknödeln, niederbayerische Creme) und Gstanzeln (am Akkordeon der junge, freche Quirin Weber).

Bedenken der Stadt München, dass die Niederbayern hier Wahlkampf betreiben oder dass der Bauernhof völlig überlaufen und wegen zahlloser Veranstaltungen die Ruhe der Anwohner gestört würde, konnten im Vorfeld ausgeräumt werden. Als Offizielle der Stadt, quasi als Aufpasserin, wurde deren Tourismus-Chefin und Oktoberfest-Organisatorin Gabriele Weishäupl entsandt. Was die Münchner allerdings nicht bedacht hatten: Weishäupl stammt aus Aicha vorm Wald, ist also Niederbayerin - und damit der "Botschaft" sehr zugetan.

"Wie viele Münchner aus Niederbayern abstammen, kann man am besten erkennen, wenn man sieht, wie viele von ihnen an Allerheiligen über die Autobahnen nach Passau und Deggendorf ausschwärmen, um die Gräber ihrer Ahnen und die Verwandten auf dem Land zu besuchen", lästerte Hannes Burger in seiner ausgesprochen launigen Eröffnungsrede. Die hielt er selbst - schließlich "wüsste ich bei diesem Anlass keinen besseren Festredner als mich, einen gebürtigen Oberbayern, der zum Niederbayern befördert wurde".

Burger zeigte sich überzeugt, dass andere Bezirke bald mit eigenen Repräsentanzen nachziehen werden, „sobald sie unseren Zugewinn an Macht, Einfluss und Verschwörungsmöglichkeiten mitbekommen haben“. Er sei "gespannt, wann die Franken im Englischen Garten ein Fachwerkhaus aufstellen".

Bei aller Launigkeit in Rede und Anlass: Ernsthaftes zu tun, um Niederbayern nach vorne zu bringen, gebe es genug, bedeutete Burger. Von der Aufteilung des Tourismusverbands Ostbayern in Niederbayern und Oberpfalz bis zum Bayerischen Rundfunk, der sein Regensburger Ostbayernstudio endlich aufteilen und in Straubing, Deggendorf oder Passau ein Niederbayern-Studio gründen solle. Schließlich gelte der Anspruch Bayerns auf Föderalismus innerhalb Deutschlands auch für die Bezirke und Regionen innerhalb Bayerns.

Alexander Kain, www.pnp.de

Landshuter Wochenblatt, 16.09.2009
Mittelbayerische Zeitung, 15.09.2009