Der NiederbayerJosef DeimerDen Charakter des Niederbayern zu beschreiben, ist in den Zeiten der Globalisierung nahezu unmöglich.
Die Menschen im "Land ohne Wein und Nachtigallen" (1) sind in ihrem
Volkscharakter durch Völkerwanderungen nach Flucht, Vertreibung,
Emigration und Öffnung Europas nach dem Osten nicht so leicht
auszumachen.
Den "Niederbayern" nach den Grenzen der Schullandkarte aus dem Jahr
1837 unter König Ludwig I gibt es heute ebenso wenig, wie den im
Rückblick auf die erste Landesteilung Bayerns 1255 von den
Historikern benannten.
Es empfiehlt sich bestenfalls auf die unbestrittene Dreiteilung des
Kerngebietes in drei gewachsene Einzellandschaften zu verweisen: Im
Norden der Wald; im Süden das Holz- und Hügelland zwischen
Holledau, Isar und Inn; dazwischen die Donau und ihr Gäuboden.
Wenngleich Benno Hubensteiner (2) trotz der verschiedenen Ansätze
in der Siedlungsdichte von einem „herrlichen Dreiklang des alten
Niederbayern“ spricht, wäre es bei so unterschiedlicher
Natur leichtfertig, absolut Verbindliches über diesen
"Menschenschlag" zu sagen.
Trotzdem kann man viel Nachgesagtes aufzählen:
Beharrungsvermögen, Festhalten am Eigenen, an Menschen und Besitz,
Sparsamkeit und Verschwendung zugleich, Überlegtheit und Rauflust,
Heidnisches und Christliches im Brauchtum. Auf alle Fälle ist der
Niederbayer zäh, arbeitsam und tüchtig, großzügig
und misstrauisch gegenüber Fremdem.
Vor allem ist er kein "Wechselbalg"; er ist widerstandsfähig wie
die Reichstagswahl von 1933 beweist: Niederbayern hatte weit weniger
Stimmen für das "Tausendjährige Reich" abgegeben als
irgendein anderes deutsches Land. In Landshut erreichte die Bayerische
Volkspartei mit 35,8 % der Stimmen sogar noch den 1. Platz. Vielleicht
sollte ich auf den Kontrast so unterschiedlicher Beschreibungen
hinweisen, wie auf jene von Dr. Anton Wiesend (3) aus dem Jahr 1858 und
von Herbert Achternbusch im Jahr 1989. Sie sind auch eine Spiegelung
der gesellschaftlichen Situation in der jeweiligen Zeit: So lesen wir
in der "Topografischen Geschichte der Kreishauptstadt Landshut"
über die Landshuter: "Der Einwohner Landshuts teilt die
allgemeinen Merkmale des ndb. Volkscharakters. In einem körnigen
Körper trägt er Aufgelegtheit zu den Künsten des
Friedens und den Kämpfen des Krieges. Was sein Geist einmal
behandelt, behandelt er mit Beharrlichkeit und Tiefe. Er ist seiner
Religion, seinem Fürsten und seinem Vaterlande aufrichtiger
ergeben, wie die Geschichten aller Zeiten lehren. Sein Hang zu
wohltätiger Schöpfung ist unübertrefflich. Er lässt
die Armen an seinen Festen teilhaben, auch aus christlicher
Nächstenliebe. Er strebt ehrgeizig, seinen Bürgersinn
einzubringen."“
Hier wird dem Herrscher ein Wunschbild seines Untertanen
präsentiert, während Herbert Achternbusch (4), der
Heimatdichter, gut hundert Jahre später als Weltbürger zu
Tage tritt, wenn er meint: "Wo ich lebe, ist früher Bayern
gewesen. Jetzt herrscht hier die Welt".
In der Tat ist es so. Und das Bayerische, das Niederbayerische, muss
sich selber schützen, um nicht im volkstümelnden
Entertainment, in der Folklore unterzugehen. Gerade ein immer noch mit
stillen Reizen bedachter Landstrich wie Niederbayern, ein von der
Hektik noch einigermaßen verschontes Stück Erde, mit seinen
wunderbaren Städten und Märkten, muss der Schönheit, der
Poesie und der Lebensfreude eine Chance geben. Vielleicht gilt eben
doch noch der Satz von Emanuel Eckart, geschrieben im Merian-Heft
"Niederbayern" (5): "Wo der liebe Gott Urlaub macht".
Dann müssten auch die Sätze auf die heutigen Bewohner
Niederbayerns in ihrer Zeitlosigkeit zutreffen. Land und Menschen, die
sich nicht sofort erschließen, die mit Bedacht zugeknöpft
sind, auf ihr Eigenleben beharren, sich auch nicht anbiedern, gern
unter sich und nicht außer sich sind. Vielleicht ist nun doch
eine Momentaufnahme "des Niederbayern" oder zumindest ein Wunschbild
entstanden.
1: Gedichte von – aus – über Niederbayern, ausgewählt von Paula Mühleisen (Verlag: Passavia)
2: Benno Hubensteiner, Aufsatz: „Niederbayern und die
Niederbayern“, Münchner Stadtanzeiger, Nr. 28, vom 8.4.1982
3: Dr. Anton Wiesend, Zitat aus: „Topographische Geschichte der Kreishauptstadt Landshut in Niederbayern.“ 1858
4: Herbert Achternbusch, Zitat
5: Merian-Heft „Niederbayern“ Nr. 11, 1989, Beitrag von Emanuel Eckardt S. 6/7
Veröffentlichung und Verwendung nach Absprache.
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