20.11.2008
Wetten aus Tradition
Im niederbayerischen Straubing hat Deutschlands ältester Trabrennverein dank eines Sponsors und neuer Vertragsregelungen den Kampf ums Überleben gewonnen.
Straubing (obx) – Allein
schon die Namen der Hauptakteure klingen so, als seien sie aus einer
anderen, rätselhaften Welt: Hi Fis Titan, Conrads Super A, Jaded
Shadow und Marcello X. Reichlich Phantasie haben Züchter und
Eigentümer auf die Frage verwendet, wie ihre Trabrennpferde
heißen sollen, die im niederbayerischen Straubing möglichst
erfolgreich an den Start gehen sollen. Noch mehr Kreativität war
aber nötig, um Deutschlands älteste Trabrennbahn vor dem
drohenden Untergang zu bewahren. Mit dem großzügigen
finanziellen Engagement eines Sponsors und dank eines seit November
2008 geltenden Vertrags, der die komplizierten Finanzflüsse
zwischen Wettbüros und Trabrennbahnen neu regelt, kann der
Vereinsvorsitzende Josef Schachtner optimistisch in die Zukunft blicken.
„Die Frage des Auf-der-Kippe-Stehens hat sich erledigt“, erklärt Schachtner erleichtert. „Mein Ziel war es immer, die schwarze Null zu erreichen, und das werden wir auch schaffen.“ Schachtner ist mit 30 Jahren Deutschlands wohl jüngster Vorsitzender eines Trabrennvereins, und auch in anderer Hinsicht, so sagt er, „haben wir ein Alleinstellungsmerkmal“, weil es unter den neun ganzjährig betriebenen deutschen Trabrennbahnen „keine gibt, die wirtschaftlich arbeiten kann“.
Nur
selten werden alte Volkstraditionen so gepflegt wie im
niederbayerischen Straubing: Seit 1812 findet in der alten Herzogsstadt
das Gäuboden-Volksfest statt, das nach dem Münchner
Oktoberfest als zweitgrößte Volksbelustigung dieser Art in
Bayern gilt. Alle vier Jahre – das nächste Mal 2011 –
zieht das Agnes-Bernauer-Festspiel Abertausende von Besuchern an. Auf
eine besonders lange Tradition blickt der Pferdesport in Straubing
zurück: Schon im 14. Jahrhundert hielten die Bauern des
fruchtbaren Gäubodens „Scharlachrennen“ ab, um zu
beweisen, dass ihre Rösser auch zu anderem taugten als Fuhrwerke
und Eggen zu ziehen. Um Geldwetten ging es damals wahrscheinlich noch
nicht, wohl eher um die Ehre: Die siegreichen Reiter bekamen
scharlachrote Tücher als Trophäen. Am 19. März 1873
gründeten 13 Handwerker und Kaufleute in Straubing den
„Renn-Verein“, der im Jahr 1900 eine eigene Rennbahn baute
und sich 1903 in „Zucht- und Trabrennverein“ umbenannte.
Josef Schachtner, der jetzige Vereinsvorsitzende, ist nach eigenem Bekunden „kein Rennbahner“, also keiner, dem Wetten, Zucht und Training schon ins Blut übergegangen sind. Tief beeindruckt ist er jedoch „von der Tradition“ des Trabrennsports in Straubing, die in den vergangenen Jahren wiederholt durch schwere finanzielle Krisen bedroht war. Durch stetig sinkende Wetteinnahmen und ständig steigende Schulden war der Verein vor etlichen Jahren an den Rand der Insolvenz geraten, die nur durch einen Grundstücksverkauf abgewendet werden konnte. Nun aber, im 135. Jahr der bewegten Vereinsgeschichte, wendet sich offenbar alles zum Guten: Die pferdenärrische Familie des Münchner Immobilienbesitzers Karl Lindinger hat die Liegenschaften wie auch die Schulden des Straubinger Vereins übernommen und sich zudem dazu verpflichtet, acht Jahre lang für die Betriebskosten aufzukommen. Lindinger erklärt sein Engagement so: „Wenn Straubing aufhören würde, dann kann man in Bayern mit dem Trabrennsport aufhören.“
Seit kurzem kann sich der Traditionsverein auch noch über höhere Einnahmen freuen: Durch einen seit November geltenden Vertrag zwischen den deutschlandweit verstreuten Wettbüros und der Vermarktungsgesellschaft „Win Race“ – ihr ist die Straubinger Rennbahn angeschlossen – fließt aus den Wettumsätzen mehr Geld als zuvor in die Vereinskasse. Nun will Josef Schachtner daran arbeiten, mehr Besucher zu den etwa 20 Rennen pro Jahr zu locken – etwa mit kurzen Unterhaltungsprogrammen, die das Warten auf den nächsten Start verkürzen sollen. Und überdies bittet Schachtner die Liebhaber des Trabrennsports, die nicht selten aus einem Umkreis von bis zu 70 Kilometern auf die Straubinger Rennbahn kommen, „mit einer Wette ihren Beitrag dazu leisten“, die lange Tradition aufrecht zu erhalten. Dass die gegenwärtig grassierende Finanzkrise die Wettfreudigkeit stark dämpfen könnte, glaubt Schachtner nicht: „Ich habe mir von erfahrenen Leuten sagen lassen: Je schlechter die Situation ist, desto mehr versuchen die Leute, beim Lotto und beim Wetten ihr Glück herauszufordern.“ Wobei das Wetten auf Pferde ja auch noch eine ganz eigene Atmosphäre biete: „Unsere Lottokugeln“, so umreisst Schachtner das Besondere, „haben vier Hufe und einen Namen.“






