04.09.2008
Der letzte Friseur der „alten Schule“: Wie ein Herrenfriseur im Bayerischen Wald Trockenhaube, Kolorationen und sämtlicher modernen Technik trotzt – und Männer wie Damen mit traditioneller Friseurkunst wie vor 200 Jahren beglückt

(obx) – So heimtückische Intrigen wie der Barbier von Sevilla spinnt Friseurmeister Kurt Stangl in Grafenau im Bayerischen Wald nicht. Ansonsten aber hat der Herrenfriseur der alten Schule mit dem Held aus Rossinis komischer Oper so einiges gemeinsam. Kurt Stangl ist ein Herr im gesetzten Alter, der bis heute der Haus- und Hoffriseur der meisten Männer und Frauen im Ort ist, die etwas auf sich halten – und nicht nur das: Mehr als eine Stunde Anfahrt nehmen Stangls Kunden in Kauf, um sich vom Meister selbst frisieren zu lassen. Von moderner Technik hält der heute 58-Jährige auch nicht besonders viel – er  schneidet ohne Akku und Maschinen nach alter Handwerkskunst seinen Kunden die Haare. In seinem Salon wird auch Politik gemacht. „Ich will ja meine Kunden schließlich auch unterhalten“, sagt der „Barbier von Grafenau“.

Kurt Stangls Friseurstudio gleicht der Werkstatt eines Handwerkers. Nichts ist dort zu sehen von modernen vollelektrischen Friseurstühlen, innovativen  Trockenhauben oder High-Tech-Schneidegeräten. Stattdessen verleihen alte Lehrbücher und hunderte Friseurscheren aus vergangenen Zeiten den holzverkleideten Räumen ein nostalgisches Ambiente. Etwas Zeit und Geduld müssen Kurt Stangls Kunden auch mitbringen. „Eine Stunde nimmt so ein traditioneller Haarschnitt schon in Anspruch. Aber die Kunden können sich entspannen, fühlen sich wohl und spüren gar nicht wie die Zeit vergeht“, sagt der Friseurmeister.

So mancher Kunde, der erstmals sein Friseurgeschäft betritt, mag sich in einem Museum wähnen. An den Wänden reihen sich unzählige alte Bader- und Friseurwerkzeuge aneinander. Kunden können dort Steckkämme für lange Haare, Kreppeisen, Metall- und Papillotenwickler, Onduliereisen und viele andere wichtige Utensilien des Friseurhandwerks aus vergangener Zeit bewundern. Besonderes Schmuckstück ist  eine Gesellenprüfungsordnung aus dem 19. Jahrhundert. Sie umfasst eine Palette traditioneller Handwerksberufe vom Bäckerhandwerk über das „Barbier-, Friseur- und Perrückenmacherhandwerk“ bis hin zum Gold- und Metallschlägerhandwerk. Der Friseurmeister aus dem Bayerischen Wald will diese Prüfungsordnung restaurieren und drucken lassen. „So sollen möglichst viele Interessenten Einblick in die Fertigkeiten der Handwerker aus früheren Jahrhunderten nehmen können.“

Seine Kunden kommen aus einem Umkreis von 50 bis 60 Kilometern in das Geschäft. In Kurt Stangls Salon werden nicht nur Haare geschnitten: „Wenn sie dann im Salon sitzen, geht ganz schön was ab. Da wird Politik gemacht pur, Arbeitsplätze vermittelt und das laufende Radioprogramm kommentiert“, sagt der Meister. „Ich will ja nicht nur Haare schneiden, sondern auch für Unterhaltung sorgen“, meint er und freut sich, dass die Kunden wieder einen guten Haarschnitt wollen, meist mit Kamm und Schere. Dass er wegen Gesundheit und Umweltschutz Chemie in seinem Salon meidet und vorzugsweise mit alten Handwerkstechniken arbeitet, erfüllt ihn mit Stolz. „Bei mir hat Vergangenheit eben Zukunft“, sagt der Friseurmeister alter Schule. Wer allerdings um zwölf Uhr Mittag einen Haarschnitt wünscht, hat beim Säumerbader kaum Glück. „Ich bestehe auf eine Stunde Mittagspause. Das empfehle ich auch allen anderen in der Arbeitswelt. Dann ist man am Nachmittag wieder frisch und konzentrierter.“



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