29.04.2008
Kriechende Delikatessen: Große Ernte auf der Schneckenfarm
Viele hundert Kilometer entfernt vom nächsten Weinberg züchtet ein niederbayerischer Landwirt zehntausende Weinbergschnecken für die Gourmetküchen Deutschlands und Europas / Gutes Schneckenjahr 2008
Pfarrkirchen (obx) – Am Anfang haben sie ihn belächelt: Mitten auf einem niederbayerischen Gemüsefeld hat der Hobby-Landwirt und Gartenfreund Heinz Hohenthaner hunderte Kilometer entfernt vom nächsten Weinberg mit 14.000 Tieren eine Schneckenfarm im großen Stil eröffnet. Heute, drei Jahre später, ist Hohenthaner auf dem besten Weg, der „Schneckenkönig“ von Niederbayern zu werden. Immer mehr Gourmetrestaurants in Deutschland und Österreich nehmen die berühmten französischen „Escargots“ von der Menükarte – und setzen auf die Weinbergschnecken von der Rottaler Schneckenfarm in der Nähe von Passau. Der nussige Geschmack und die natürlichen Wachstumsbedingungen überzeugen immer mehr Feinschmecker.
Wie viele Schnecken genau auf seiner Schneckenranch leben, kann Heinz Hohenthaner nur schätzen. 14.000 waren es, als er vor drei Jahren mit der Zucht begonnen hat. Heute dürften sich mehr als eine Million der kriechenden Delikatessen auf den Feldern bei Pfarrkichen in Niederbayern unter dem saftigen Grün der Salat- und Rapspflanzen verstecken. Während die weltberühmten „Escargots“ aus Frankreich in nur einem Jahr mit Kraftfutter „erntereif“ gezogen werden, haben Heinz Hohenthaners Schnecken zwei oder drei Jahre Zeit, sich zu entwickeln. „Im Gegensatz zu diesen Industrieschnecken haben unsere Wildschnecken sehr viel mehr Geschmack“, sagt Hohenthaner. Sie leben auf dem Feld, fressen frische Kräuter und Pflanzen und wachsen ganz natürlich.
Jetzt nach dem Winterschlaf fressen sich die Schnecken richtig satt – und beginnen dann wieder mit der Paarung. Eine Schnecke legt dabei 50 bis 100 Eier im Jahr. „Dieses Jahr scheint ein gutes Schneckenjahr zu werden, allerdings war der Winter sehr mild und das hatte zur Folge, dass viele Schnecken den Mäusen zum Opfer gefallen sind“, sagt der Gründer von Niederbayerns erster Schneckenfarm.
Hohenthaner ist einer von gerade einmal sechs oder sieben Züchtern in ganz Deutschland, denen die Zucht der Weinbergschnecken überhaupt gelingt. Das Know-how für die Schneckenzucht holte sich Landwirt aus Italien und Frankreich. Sonnenblumen, Salat, Raps und Mohrrübenwurzeln sind die Lieblingsspeise der kleinen Kriechtiere, die als Delikatessen in den Töpfen der Gourmet-Köche landen.
Genauso anspruchsvoll wie die Zucht der kriechenden Delikatessen ist auch ihre Zubereitung: Zuerst muss man die Tiere im siedenden Wasser töten – ähnlich wie einen Hummer. Dann trennt man sie von ihrem Haus, befreit sie von den Innereien und bereitet sie erst dann nach Belieben zu. „Es gibt hunderte Rezepte – ich mag Schnecken sehr gern und habe mir auch extra ein Weinbergschneckenkochbuch gekauft“, sagt Heinz Hohenthaner. „Ich habe mich mal ein Wochenende lang in Italien, zu einem Seminar, mit Ausnahme vom Frühstück, nur von Schnecken ernährt.“
Die Käufer der Delikatessschnecken von der Rottaler Schneckenfarm schätzen den leicht nussigen Geschmack der Tiere. „Der Geschmack variiert je nach dem, was die Schnecken zu fressen bekommen“, sagt der Züchter, der tagsüber bei BMW am Fließband steht und Autos zusammenschraubt.
Vor sieben Jahren hat Hohenthaner zum ersten Mal von einer Schneckenfarm in der Zeitung gelesen. Von da an hat er sich genauer mit dem Thema befasst, Kurse besucht – und vor drei Jahren die erste und auch bisher einzige Schneckenfarm in Niederbayern gegründet. „Die Arbeit ist ideal, ich bin sehr tierlieb und kann so mit Tieren arbeiten und bin in der Natur“, sagt Hohenthaner. Inzwischen ist die Schneckenranch auch zum Besuchermagnet für Schulklassen, Kindergartenkinder und Gourmets geworden. Führungen über die Farm sind von Mai bis Oktober möglich. Mehr Informationen: www.weinberg-schnecke.de






